Muss man eine Glocke segnen?

Von Hermann Metz

 

Wie oft schafft sich eine Pfarrgemeinde Glocken an? Nicht oft - höchst selten, müsste man eher sagen. Im Nordturm des Sankt Stephansmünsters wurde die letzte Glocke 1697 oder 1698 aufgehängt. Das ist über 300 Jahre her, und niemand kann sich diesen Zeitraum vorstellen. Menschen wurden geboren und starben - wir sind die etwa 10. Generationen seit damals - Pfarrer kamen und gingen, Ordensgemeinschaften entstanden auf dem Berg und gingen unter, die Menschen bauten Häuser, Kriege verwüsteten die Stadt ...

Was wir am Sonntag, den 7. Oktober 2012 in der altehrwürdigen Kirche erlebten, war deshalb ein Ereignis, das wir gar nicht ernst genug nehmen können. Die beiden kleinen Kinder, die während der Weihe der Heilig-Geist-Glocke in den Seitenschiffen ihrem Bewegungsbedürfnis Raum gaben, werden vielleicht noch 80 Jahre leben, ebenso wird das Leben ihrer Kinder und Kindeskinder zu Ende gehen usw., Steine an den Münsteraußenwänden werden zerbröseln, der Kirchenraum wird renoviert und wieder renoviert werden und das Schongauergemälde wird langsam verschwinden. Dann erst und viel später wahrscheinlich wird es in Breisach wieder ein solches Ereignis geben.

So gesehen wäre es fast eine Sünde, hätten wir diese Glocke bestellt, gießen und ohne Aufhebens auf den Turm hieven lassen. Als sie Anfang Mai in ein Gestell gehängt und in der Westhalle aufgestellt wurde, forderte Pfarrer Werner Bauer die Menschen auf: »Das ist die Gelegenheit für die Breisacher, mit der Glocke Freundschaft zu schließen. Gehen Sie zärtlich mit ihr um, legen Sie Ihre Hände darauf, streicheln Sie sie, klopfen Sie daran und erfreuen Sie sich an ihrem Wohlklang«.

Ob da einem Gegenstand aus Bronze nicht ein bisschen zu viel Ehre angetan wird? wird sich dabei vielleicht mancher gedacht haben. Ich selbst war spätestens bei der Glockenweihe an diesem Oktobersonntag überzeugt: Pfarrer Bauer lag richtig!

 

Nachdem Willi Braun, Bauers Vorvorgänger (den er liebevoll mit »mein Amtsopa« titulierte) die Glocke gesegnet, mit Chrisam bekreuzigt und das dampfende Weihrauchfass darunter gestellt hatte, schlugen Mitglieder des Pfarrgemeinderats die Glocke erstmals mit einem Klöppel an. Sogar der Glockeninspektor der Erzdiözese half mit.

 

Was wir, wenn die Glocke in den Turm gebracht sein wird, im Lärm um uns herum nicht mehr hören werden, vernahmen wir im Kirchenraum: Nach jedem neuen Anschlagen verströmte sie einen wunderschönen, sauberen, runden, vollen Klang. Wir vernahmen gerührt das Ausschwingen und als wir dachten, es müsse jetzt nur noch Stille übrig geblieben sein, klang es immer noch fein und makellos nach. Wollte man es rein technisch sehen, bedeutete dies zunächst nur, dass den Gießern ein fehlerloses, kompaktes Gebilde aus Metall gelungen war.

Was aber dann geschah, musste jedem zu Herzen gehen: Der Münsterpfarrer lud die vielen Besucher ein, die Glocke persönlich zu segnen. Alle kamen sie, alle, tauchten einen Finger in bereit gehaltenes Chrisamöl ein und malten damit ihr Kreuz auf den goldglänzenden Glockenmantel. Jedem Einzelnen war anzusehen, dass er bei diesem Akt Außergewöhnliches empfand.

Man kann nicht wissen, was in ihnen vorging, aber es könnte zum Beispiel dies gewesen sein: Dieser Glocke soll es gut gehen; wenn sie läutet, soll ihr Klang mir, der Stadt, den Menschen über dem Rhein, uns Heutigen und den Späteren ein Mutzeichen sein, uns im guten Geist miteinander verbinden. Ich freue mich, wenn ich sie in frohen und traurigen Tagen läuten hören; sie soll meine innersten Gedanken, meinen Dank und meine Bitten zum Himmel schwingen lassen.

 

Eine solche Glocke sollte man nicht segnen?

Man muss sie segnen - unbedingt!